China ist uns sehr nahe gekommen – und doch immer noch wie eine andere Welt.
Zum interkulturellen Verständnis beizutragen wäre in dieser Situation zunehmend wichtig. Das chinesische Verhältnis zu Minderheiten und Ausländern würde darin eine interessante Rolle spielen. Überwiegend aber sind plakative Beschreibungen zu finden. So wie im Standard vom 7.11.2009 berichtet, ist der Fall von Lou Jing, – Chinesin mit afro-amerikanischem Vater, aufgetreten in einer Talent-Show und plötzlich Opfer schlimmster Attacken on-line – ein Paradebeispiel.
Dargestellt wie ein aktueller Anlass für eine nationale Debatte – und, nicht zu vergessen, ein Beispiel dafür wie andere noch mehr Probleme mit Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft haben können – ist es doch so simplifiziert, dass es eine relativ bedeutungslose Anekdote wird.
Schon der Zeitrahmen macht Probleme, war dieser Aufruhr doch schon im August dieses Jahres aktuell und im Laufe des September wieder vergessen. In das Licht der internationalen Öffentlichkeit kam die Sache im wesentlichen dadurch, dass ChinaSmack (www.chinasmack.com, eines der sogenannten “Brücken-Blogs” die Inhalte des chinesischsprachigen Internets ins Englische übersetzen) dieses Thema für interessant genug befand, ausgewählte Kommentare zu präsentieren; erst kürzlich fanden sich Artikel und Kommentare hierzu allerdings in der englischen Presse und dann eben auch im Standard.
Die Kommentare im chinesischen Internet zeugen tatsächlich von einer gehörigen Portion Unverfrorenheit gegenüber “anderen”. Sie einfach auf Rassismus in China zu schieben macht die Sache jedoch zu einfach: Tatsächlich ist in China eine starke Xenophobie auszumachen, ebenso aber eine große Offenheit und Neugier gegenüber Fremden. Freundliche und bei weitem weniger freundliche Blicke sind an der Tagesordnung; der Ausländer ein sofortiger Anlass für Kommentare. Größe, Gewicht, Farbe von Haut, Haaren, Augen und, ja, auch die große Nase – dies alles wird mit Vorliebe kommentiert, gerade “anderen” gegenüber.
Schwarze Haut, das muss auch gesagt werden, ist stark negativ besetzt – nicht umsonst sind dieselben Cremes die in Europa einen bronzierenden Effekt hätten, in China mit bleichenden Wirkstoffen versehen. Diese Einstellung trifft allerdings nicht nur “farbige”, denn dazu würden Chinesen sich im Zweifelsfall durchaus selbst zählen. “Dunkel” sind auch ganz einfach die Menschen vom Lande, jene die noch nahe der Feldarbeit stehen. Dieses Urteil, selbst in der Form dass dunkle Haut und schlechte Eigenschaften als ganz natürlich zusammen auftretend angesehen werden, fällt über Afrikaner ebenso – und eventuell sogar weniger – als über Minderheiten und auch über Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen.
Im Fall von Lou Jing war es jedoch nicht nur die dunkle Haut, die Aufsehen – und reichlich üble Stimmung – erzeugte. Mindestens ebenso stark wog, dass sie Kind einer außerehelichen Affäre, wenn nicht sogar eines Ehebruchs, mit einem Afro-Amerikaner wäre. Letztere Behauptung ist wohl der Grund für die Klage wegen übler Nachrede; aber schon Sex außerhalb der Ehe ist für eine nicht zu unterschätzende Zahl an Chinesen ein Zeichen für eine moralische Verderbtheit, die online schnell in Rufe mündet, die einen wundern lassen wieso es in China keine Ehrenmorde gibt. (Wobei es Sex außerhalb bzw. vor der Ehe ganz klar auch gibt – aber zumindest ein “Resultat” desselben sollte es nicht geben. Abtreibungen sind schließlich üblich und leicht erhältlich; gerade auf die Frauen wirkt hier starker Druck, Gesicht zu wahren und nicht als unmoralisch dazustehen.)
Online sind zudem auch jene Stimmen am lautesten, die in jeder Beziehung zwischen Chinesen und Ausländern gleich einen Landesverrat wittern. Wenn die historisch-politische Schulbildung, in der gerne die historische nationale Schande der Unterdrückung durch die westlichen Mächte (inklusive Japans) betont wird, in revanchistischer Rede Bahn bricht und sich paart mit – sage man es so krude, wie es online nun einmal geschieht – dem Minderwertigkeitskomplex der durch den Konsum von Internet-Pornos leicht hervorgerufen werden kann, dann sind dabei eben solche Kommentare nicht mehr fern. Daraus allerdings lassen sich eine Portion Rassismus (oder wohl eher anderer Formen von Problemen mit dem/den Fremden) ebenso ablasen, wie zum Beispiel eine kaum vermutete Freiheit der Online-Meinungsäußerung – zumindest wenn es um bestimmte Themen geht. Bedenkt man, wie leicht solche Kommentare auch auf die anerkannten Minderheiten Chinas (und auch auf sozusagen hinterwäldlerische Han-Chinesen) losgelassen werden und welchen Effekt solche Einstellungen leicht auf die viel beschworene nationale Einheit haben könnten, so liegt das wohl nicht nur daran, dass eine “schwarze Chinesin” und abfällige Postings gegen sie kein politisch sensitives Thema sind.
Außerdem, wie Malcolm Moore vom britischen Telegraph letztens feststellte, klingt in der Geschichte auch durch, dass Lou Jing offenbar, vor ihrem zweifelhaften Ruhm, große Akzeptanz erfuhr. Immerhin wuchs sie in Shanghai auf, hat hier die Schule besucht, studiert nun hier – ohne solche Antipathie erfahren zu haben. China hat sicherlich noch einen langen Weg vor sich, bis Fremde und Andersartige überall ohne bohrende Blicke unterwegs sein könnten. Umgekehrt aber kann man sich in diesem Land, trotz allen Starrens, trotz aller verfolgenden “Hello!”- Rufe, sicherer fühlen als ein Asiate, geschweige denn Schwarzer, in so manchen Teilen Europas oder der USA. Dort wird man allerdings, anders als es in so manchen Teilen Chinas noch immer der Fall ist, Ausländer wohl schon öfter gesehen haben. Das Internet als im wesentlichen freier Raum der Meinungsäußerung, das würde man sich öfter stärker kontrolliert wünschen, wo es das nicht ist, und weniger kontrolliert, wo Facebook, YouTube, Twitter der Blockade anheim fallen.
Im Alltag sind Städte wie Shanghai oder Beijing mittlerweile ebenso kosmopolitisch wie Berlin oder Wien – und bis diese wieder hierzu kamen, hat es bekanntlich auch seine Zeit gedauert.